pri 0378 / 17. Oktober 1990
25. TECHNISCHES PRESSE-COLLOQUIUM 17./18. OKTOBER 1990 TPC '90
F a c h r e f e r a t von Dipl.-Ing. Michael H e i n z, Leiter der Abteilung
für Kommunikationssoftware-Entwicklung bei der ATM Computer GmbH, Konstanz.
Kommunikations-Architektur für das offene, verteilte, heterogene
Mehrprozessorsystem MODICON 32000 M
Rechnersysteme für den industriellen Einsatz müssen unterschiedlichste
Anforderungen in einem breiten Leistungsspektrum von der Steuerungs- bis zur
Leitrechnerebene abdecken. Ein herkömmlicher Einzelrechner ist nicht in dieser
Breite einsetzbar. Die AEG bietet deshalb nach dem Baukastenprinzip
konfigurierbare Mehrprozessorsysteme an, deren Komponenten gemeinsam die
benötigten Funktionen erbringen. Die Integration von Teilsystemen zu einem
solchen Funktionsverbund - vergleichbar einem lokalen Netzwerk (LAN) und deshalb
"LAN in a box" genannt - benötigt eine äußerst effiziente Kommunikation.
Vernetzung von Rechnern ist heute Standard. Selbst Personal Computer werden über
lokale Netze gekoppelt und greifen auf verteilte Filesysteme zu. Die PCs
arbeiten also bei der Teilfunktion Filezugriff im Funktionsverbund am LAN. Ein
solches LAN kann leicht erweitert werden, denn jeder neu angeschlossene
Netzteilnehmer bringt die für seine Arbeit benötigte zusätzliche Rechenleistung
ein. In ähnlicher Weise können auch Anwendungssysteme auf verschiedene
Einplatinen-Rechner verteilt werden.
Funktionen und Eigenschaften eines Prozeßrechnersystems
Systeme zur Automatisierung von Industrieanlagen benötigen andere Funktionalität
und Eigenschaften, als sie beispielsweise der Anwender von PCs oder Bürosystemen
kennt. Wichtigste Merkmale sind Echtzeitfähigkeit, automatischer
Betrieb ohne Bediener und Terminal, erhöhte Sicherheit durch Redundanz,
automatische Umschaltung bei Ausfall und automatischer Restart zwischenzeitlich
ausgefallener Teilsysteme. Diese Merkmale werden in unterschiedlichen
Leistungsklassen von kleinen plattenlosen bis hin zu großen leistungsstarken
Konfigurationen verlangt. Die Systeme müssen risikolos erweiterbar sein, wenn
die Leistungsgrenze erreicht ist. Offene Kommunikation über Netze muß möglich
sein. Der Anwender wünscht sich außerdem leichte Programmierbarkeit, eine
komfortable Entwicklungsumgebung, Zukunftssicherheit der Softwareinvestitionen
und Offenheit für zusätzliche Funktionen.
Es gibt Einzelrechner, die einen Teil dieser Anforderungen erfüllen. Die "Einer-
kann-alles"-Lösung für das gesamte Anforderungsspektrum ist jedoch am Markt
nicht verfügbar. Die Lösung heißt, mehrere verschiedene Teilsysteme im
Funktionsverbund zusammenarbeiten zu lassen. Für jede Anforderung gibt es eine
geeignete Kombination aus Hardware, Betriebssystem und eventuell verfügbarer
Anwendungssoftware, die die benötigte Funktionalität erbringt.
Als Systemarchitektur für das System MODICON 32000 M wurde deshalb
folgende Struktur gewählt: ein verteiltes, heterogenes, offenes
Mehrprozessorsystem integriert die Funktionen seiner Teilsysteme. Die
Systemfunktionen sind verteilt auf mehrere, untereinander lose gekoppelte,
eigenständige Einplatinen-Rechner mit unterschiedlichen Betriebssystemen, die
gemeinsam die Systemanforderungen erbringen. Dieser Systemverbund ist durch
Nutzung von Standards nach außen und innen offen.
Wesentliche Komponenten des Systems MODICON 32000 M sind: 80386 und 80486 als
bevorzugte Prozessoren, iRMX DA (Distributed Architecture) als Echtzeit-
Betriebssystem, UNIX V als Betriebssystem für operationelle Aufgaben und als
Entwicklungsplattform. Heterogenität und Offenheit erlauben es weitere
Komponenten - auch mit anderen Prozessoren und Betriebssystemen - in den
Funktionsverbund aufzunehmen. Dies können speicherprogrammierbare Steuerungen,
Echtzeit-UNIX oder auch MS-DOS-Systeme sein.
Kommunikation im heterogenen System: Die Client/Server-Architektur
Zwischen den Rechnern in einem LAN werden Datenblöcke, sogenannte Messages,
ausgetauscht. Man spricht deshalb von "Message Passing". Ein
Kommunikationspartner, der eine Dienstleistung von einem anderen Partner
benötigt - ein sogenannter "Client" - sendet seine Anforderung als Message an
den Diensterbringer - den "Server" - und erhält von diesem eine Antwort-Message
mit dem Ergebnis zurück. Eine solche Client/Server-Architektur ist die Basis für
die hier gewünschte Funktionsverteilung. Ihr besonderer Vorteil besteht darin,
daß keinerlei Voraussetzungen an die beteiligten Prozessoren und Betriebssysteme
gemacht werden müssen. Es genügt die Verabredung über die Formate und
Reihenfolgen der auszutauschenden Messages, also das Kommunikationsprotokoll
zwischen Client und Server. Dies macht die Client/Server-Architektur
insbesondere für heterogene Kommunikationspartner besonders geeignet.
Multibus II - der Message Passing Bus
Die verschiedenen Einplatinen-Rechner des Systems MODICON 32000 M sind verbunden
durch den Multibus II. Der Multibus II ist zum einen ein normaler Bus,
vergleichbar mit Steckplätzen eines PC. Darüberhinaus ist für den Multibus II
ein "Message Passing Protokoll" genormt und auf einem Chip verfügbar. Die
Kommunikation zwischen den Teilnehmern am Multibus II erfolgt in gleicher Weise
wie zwischen Rechnern an einem LAN. Man nennt deshalb den Multibus II
auch ein "LAN in a box". Mit seiner Geschwindigkeit von 320 Mbit/s ist der
Multibus II ein sehr schnelles "LAN". Er bietet sich deshalb für eine heterogene
Client/Server Architektur an.
Alle Teilnehmer am Multibus II müssen mit dem Message Passing Coprozessor Chip
und einer einheitlichen Programmierschnittstelle - dem "Multibus-Transport"-
ausgestattet sein. Sie ermöglichen es, beliebig lange Nachrichten zwischen
Programmen in verschiedenen Prozessoren auszutauschen.
Verteilte Anwendungen und Leistungsvermittlung
Auf Basis der Client/Server Architektur lassen sich Server und damit deren
Dienste ansprechen, auch wenn sie nicht auf dem eigenen Prozessor verfügbar
sind. Für eine Reihe von Systemgrundfunktionen sind Server vorhanden; dazu
gehören das verteilte Filesystem, der Terminalzugriff, verteilte Kataloge und
Zugänge zur Kommunikation mit externen Netzwerken. Weiterhin lässt sich mit
dieser Methode eine Applikationssoftware verteilen, indem sie in einzelne
Teilfunktionen mit klar definierten Schnittstellen zerlegt wird. Diese
Teilfunktionen können auf unterschiedliche Rechner verteilt werden und verhalten
sich wie Server. Wenn eine Teilfunktion benötigt wird, wird ihre Leistung für
den jeweiligen Aufrufer erbracht. Deshalb nennt man diese Art der Verteilung
auch Leistungsvermittlung.
Die bisher beschriebenen Message Passing Funktionen erlauben es zwar
prinzipiell, eine Anwendung zu verteilen. Der Anwendungsprogrammierer müßte
jedoch das Client/Server-Kommunikationsprotokoll zwischen den Teilfunktionen
selbst spezifizieren und auf dem jeweiligen Betriebssystem selbst
implementieren. Hier wird Systemunterstützung benötigt.
Als Lösung bietet sich die Technik des Remote Procedure Call an. Ein
Unterprogramm wird auf einem Rechner aufgerufen, läuft auf einem anderen Rechner
"remote" ab, und meldet die Ergebnisse an den Client so zurück, als ob die
Funktion lokal erbracht worden wäre. Ein Remote Procedure Call vereinfacht die
Verteilung von Applikationen, weil kein individuelles Kommunikationsprotokoll
ausgedacht und implementiert werden muß, sondern durch standardisierte Tools
erzeugt wird.
Gemeinsame Schnittstelle für externe und interne Kommunikation
Für den Fall, daß eine Anwendung nicht nur am lokalen Systembus verteilt ist,
sondern auch Teilfunktionen aus externen Netzen benötigt, muß der Netzzugang bei
der Verteilung berücksichtigt sein. Die Zugänge zu externen Netzwerken werden im
System MODICON 32000 M von "Kommunikations-Servern" als Standardfunktionen für
alle Teilnehmer am Multibus II bereitgestellt. Sie unterstützen alle
wesentlichen lokalen Netzwerke und Wide Area Networks (WAN) mit ihren
verschiedenen Protokollen: im LAN-Bereich Ethernet mit TCP/IP und mit ISO/OSI-
Protokollen inklusive Filetransfer oder virtuellem Terminal, sowie den MAP-Token
Bus mit MMS oder FTAM; im WAN-Bereich X.25 (DATEX-P), X.21 (DATEX-L) und ISDN.
Die Programmierschnittstelle für den Zugang zu externen Netzwerken auf
Transportebene ist im System MODICON 32000 M einheitlich und netzunabhängig.
Die Schnittstelle ist unter UNIX V und iRMX DA weitgehend identisch.
Es ist die am ISO/OSI-Referenzmodell orientierte und von X/OPEN genormte UNIX-
Standard-Schnittstelle "TLI" (Transport Layer Interface) beziehungsweise deren
Pendant "OTS" unter iRMX DA. Die gleiche Schnittstelle wird auch für die
Multibus II-lokale Kommunikation eingesetzt. Das heißt: buslokale Kommunikation
am "LAN in a box" - im Sonderfall auch prozessorlokale Kommunikation - und die
Kommunikation mit externen Netzwerken werden aus iRMX DA und UNIX V mit
einheitlichen Aufrufen abgewickelt. Damit ist das System betriebssystem- und
netzwerktransparent. Ersteres bedeutet, daß man in einfacher Weise portable
Kommunikationsprogramme schreiben kann, die unter iRMX DA und unter UNIX
lauffähig sind. Netzwerktransparenz beinhaltet, daß es für ein Programm keinen
Unterschied macht, ob sein Kommunikationspartner sich auf der gleichen CPU, im
gleichen Multibus-Chassis, an einem LAN oder entfernt an einem WAN befindet. Die
einheitliche Kommunikations-Schnittstelle erfordert keine unterschiedlichen
Implementierungen für die verschiedenen Einsatzfälle.
Ortstransparente Leistungsvermittlung
Die Kommunikation funktioniert immer gleich. Der Aufrufer muß nur die
Netzwerkadresse des gewünschten Kommunikationspartners vorgeben. Das hört sich
einfacher an als es ist, denn der Benutzer kennt normalerweise die
Rechnerkonfiguration und die Verteilung der Server nicht. Weiterhin enthält eine
rein funktional formulierte Anforderung, etwa "gib mir Satz 3 aus File mit Namen
ABC", keine Parametriermöglichkeit für die Adressierungsaussage "von Rechner
XYZ". Deswegen besteht das Bedürfnis, die Leistungsvermittlung unabhängig vom
Ort der Leistungserbringung zu machen.
Die Ortsunabhängigkeit (Location Transparency) der Funktionsverteilung
wird bei dem System MODICON 32000 M der AEG folgendermaßen erreicht: Der
Anwendungsprogrammierer spricht den gewünschten Server nicht über dessen
Adressen, sondern über seinen Namen an. Falls bei der Leistungsvermittlung die
zugehörige Adresse nicht bekannt ist, ruft der Client in der Eröffnungsphase der
Kommunikationsbeziehung den Name-Server auf, der ihm - ähnlich der
Telefonauskunft - die Adresse des gesuchten Servers beschafft. Der Vorteil des
Verfahrens ist evident. Es müssen nicht alle Diensterbringer mit ihren Adressen
überall bekannt sein. Es genügt, wenn die Adresse des Name-Servers allgemein
bekannt ist. Die so erreichte Transparenz bei der Adressermittlung vereinfacht
auch eine Umkonfigurierung; beispielsweise ermöglicht sie bei Teilausfällen eine
dynamische Umschaltung auf redundante Server.
Drehscheibe des Systems MODICON 32000 M
Die Kommunikations-Architektur mit ihrer Netzwerk-, Betriebssystem- und
Ortstransparenz ist die zentrale Drehscheibe des Systems MODICON 32000 M.
Die Anforderungen an die Funktionalität des Systems werden durch die
Integration der Teilfunktionen der heterogenen Teilnehmer erreicht.
Echtzeitfähigkeit steuert iRMX bereits in der Standardversion bei. Von AEG wurde
es zudem um die Funktionen automatischer Betrieb, Redundanz und Restart
erweitert. Die leichte Programmierbarkeit und die komfortable
Entwicklungsumgebung ist durch UNIX gegeben.
Die globalen Eigenschaften Offenheit, Erweiterbarkeit und Zukunftssicherheit
ergeben sich aus dem Systemkonzept. Beispielsweise enthält ein kleines System
mehrere Funktionen oder Server auf einer Prozessorkarte. Bei entsprechendem
Bedarf wird eine weitere Prozessorkarte in das Chassis gesteckt. Die Funktionen
lassen sich problemlos umverteilen.
Weil die Teilfunktionen der verteilten Applikation definierte Schnittstellen -
nämlich Messages am Multibus II - haben, lassen sie sich einfach ersetzen durch
leistungsfähigere Prozessoren oder verbesserte Software, die nur diese
Schnittstellen einzuhalten haben. Weiterhin beruht die Zukunftssicherheit auf
dem durchgängigen Einsatz von Normen und Industriestandards. Standards nach
außen von TCP/IP bis zur ISO/OSI-Kommunikation sind selbstverständlich.
Standards nach innen sind insbesondere die Betriebssysteme iRMX DA und UNIX V,
das Message Passing Protokoll, UNIX-Schnittstellen zur Kommunikation auch unter
iRMX DA, einheitliche Schnittstellen für lokale und externe Kommunikation und
die Ortstransparenz.
Für einen Teil der hier genannten Basisfunktionen der Leistungsvermittlung -
insbesondere für den Remote Procedure Call - ist die Phase der internationalen
Normung bei ISO/OSI noch nicht abgeschlossen. Hier mußte die AEG vorläufig
eigene Wege beschreiten. Das System MODICON 32000 M lebt von der Offenheit für
heterogene Teilnehmer und wird mit fortschreitender Normung diesen Anspruch
immer aufrecht erhalten. Damit wird es mit den Erfordernissen des Anwenders
mitwachsen und dessen Investitionen in die Zukunft schützen.
Der Autor:
Dipl.-Ing. Michael Heinz, (46) leitet die Abteilung für Kommunikationssoftware-
Entwicklung bei der ATM Computer GmbH, Konstanz. Er studierte Nachrichtentechnik
an der Technischen Hochschule Darmstadt und kam 1969 als Entwicklungsingenieur
zu AEG. Seine Schwerpunkte sind Betriebssysteme und Kommunikationssoftware. Er
war unter anderem für die Softwareentwicklung des neuen Postdienstes CITYRUF
zuständig.
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